Gestern

Im 11. Jahrhundert, nach einem Jahrtausend Christentum befand sich die Kirche in einer tiefen Krise. Grobe Missstände vor allem unter dem Klerus verlangten nach Reformen. Drei kirchliche Erneuerungsbewegungen des Mittelalters erfassten dabei auch Steyr: Im 13. und 14. Jahrhundert die "Armen Jesu Christi", später Waldenser genannt; Anfang des 16. Jahrhunderts die protestantische Reformation, und nur einige Jahre später die Täuferbewegung. Obwohl sich große Teile der Bevölkerung den Waldensern angeschlossen hatten, wurde die Bewegung durch die Inquisition der römisch-katholischen Kirche unterdrückt und vernichtet. Das Waldenserdenkmal erinnert an die einhundert Männer und Frauen, die ihrem auf die Bibel gegründeten, non-con-formen Glauben bis zum Scheiterhaufen treu blieben.

Zwei Jahrhunderte später fanden die Schriften deutscher Reformatoren, vor allem von Martin Luther, bereitwillige Leser in Steyr und ganz Oberösterreich, dem damaligen 'Herzogtum Land ob der Enns'. Die Bevölkerung öffnete sich reformatorischem Gedankengut und hörte gerne Predigern zu, die sich für die Erneuerung des Glaubens und der Kirche einsetzten.

Streitpunkt Glaubenstaufe

Genau in dieser Zeit breitete sich ab 1525 eine neue Bewegung aus, die in Zürich ihren Ausgang genommen hatte. Begeisterte Mitstreiter des Reformators Ulrich Zwingli setzten sich für eine tiefgreifende Reform nicht nur des Glaubens, sondern auch der Kirche selbst ein. Sie forderten die Abschaffung der Kindertaufe und die Einführung der Glaubenstaufe. Doch das wurde abgelehnt und die „Täufer“ blutig verfolgt. Dennoch ließ sich diese non-con-forme Taufpraxis nicht mehr stoppen. Überall ließen sich Menschen taufen, um ihren Wunsch nach einem Leben aus dem Glauben zum Ausdruck zu bringen.

Franz Seiser - Verein für Täufergeschichte

In die Stadt Steyr kamen wohl binnen eines Jahres Reisende aus der Schweiz und Süddeutschland, die die täuferische Lehre mitbrachten und vertraten. Im Frühjahr 1526 kam der frühere römisch-katholische Priester Dr. Balthasar Hubmair, nunmehriger Täufertheologe, mit einer Druckerpresse und einem Drucker auf der Reise nach Mähren in Steyr an.

Täuferführer Hans Hut

Ein Jahr später verursachte der Täuferprediger Hans Hut einen gehörigen Wirbel in der Stadt, als er mit einer ganzen Gruppe von Täufern von Wien kommend in Steyr eintraf. Schnell begann er in Privathäusern Versammlungen zu halten und Menschen zu taufen. Darüber hinaus sandte er Verkündiger in verschiedene Städte aus, bevor er selbst der Verhaftung durch die Flucht entgehen konnte.

Der Rat der Stadt ließ die von Hut Getauften ausforschen und festnehmen. Wer nicht dem neuen Glauben abschwor, blieb im Gefängnis. Die Regierung in Wien war alarmiert und forderte strenge Urteile für diese Ketzer, wie man die Täufer auch schimpfte. Über ein Dutzend Todesurteile wurden zwischen März und Mai 1528 vollstreckt. 12 Männer und eine Frau bezahlten ihren neu gefundenen Glauben mit dem Leben.

„Täufer-Alarm“

Die aufkeimende Bewegung schien zerschlagen. Viele waren geflohen oder hatten sich doch wieder dem bisherigen katholischen oder dem neuen evangelischen Glauben zugewandt. Doch bis zum Ende des 16. Jh. gab es alle paar Jahre wieder „Täufer-Alarm“ in Steyr.

Die Gegenreformation Anfang des 17. Jahrhunderts vertrieb die evangelischen Lehrer und Prediger aus Steyr. Bibeln und andere reformatorische Schriften wurden mengenweise verbrannt. Die Bevölkerung stand vor der Wahl, wieder zur römisch-katholischen Kirche zurückzukehren oder auszuwandern. Viele verließen lieber ihre Heimat Steyr, als ihrem neuen, non-con-formen Glauben abzuschwören. Für mehrere Jahrhunderte gab es nur Mitglieder der römisch-katholischen Kirche in Steyr. Erst Mitte des 19. Jh. brachten Handwerker non-con-formes evangelisches und dann auch freikirchliches Gedankengut nach Steyr zurück.

Silvia Baumgartner - Siebenten-Tags-Adventisten
Gerhard Ivanovits - Baptistengemeinde